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Ehrenamtlicher Naturschutz

Mit der Zeitung aus der Nische

Lokale Naturschutzarbeit funktioniert oft über eine kleine Gruppe in einer Nische. Dabei wäre die Arbeit einfacher, wenn große Teile der Bevölkerung zumindest wüssten, was es zu schützen gibt. Die Modellnaturschutzgruppe im niederbayerischen Essenbach hat mit „Natur Dahoam“ ein Tool entwickelt, das dieses Ziel verfolgt. Tjards Wendebourg stellt das Konzept vor.

von Tjards Wendebourg erschienen am 28.07.2025
Natur Dahoam © Tjards Wendebourg
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Bereits in Ausgabe 06/24 der Naturschutz und Landschaftsplanung haben wir die Ortsgruppe Essenbach im Bund Naturschutz Bayern und ihr Konzept zur Reaktivierung der Arbeit vor Ort vorgestellt. Jetzt haben sich die Ehrenamtlichen im Kreis Landshut etwas Neues ausgedacht. Mit ihrer ersten Ausgabe der Ortsgruppenzeitung „Natur Dahoam“ haben sie alle der rund 6.000 Haushalte der Gemeinde erreicht und damit ihre Arbeit an die Basis getragen. Dank Sponsorenakquise hat auch das Pilotprojekt nur rund 2.000 € aus Vereinsmitteln gekostet. Dass überhaupt Kosten übriggeblieben sind, ist wohl dem einmaligen Aufwand der Projektentwicklung zuzuschreiben.

Die Ziele

„Natur Dahoam“ verfolgte nicht nur das Ziel, die Ortsgruppe und ihre Arbeit allen Bürgerinnen und Bürgern vorzustellen. Sie hatte gleich einen ganzen Kanon an Zielen, die sich gemeinsam verfolgen ließen. Im Einzelnen waren das:

  • Bewusstsein schaffen für schützenswerte Bereiche und Arten
  • Abbau von Vorurteilen gegenüber den Akteurinnen und Akteuren im Naturschutz sowie Gewinnung von Sympathien
  • Steigerung von Glaubwürdigkeit und Reputation (Print wirkt besser als digital)
  • Aktivierung der Mitglieder und Gewinnung von Neumitgliedern
  • Aufruf zu Dialog und Mitarbeit
  • Potenzdemonstration gegenüber Lokalpolitik, Verwaltung und Bevölkerung („Wir können in zwei Tagen alle erreichen“)
  • Aufbau von Identifikation über Altgemeinde-Grenzen hinweg
  • Ko-Promotion von Partnern (Biohof, Waldkindergärten, Termin-App der Gemeinde etc.)
  • Aufruf zu ortsgruppenbezogenen Geldspenden
  • Bewerbung der Social-Media-Kanäle
  • Verbreitung von Service-Kontakten
  • Schaffung von Identifikation und Selbstvertrauen für die Ortsgruppe.

Dabei war klar, dass nicht alle Ziele im Hinblick auf die Zielerreichung voll evaluierbar sein würden. Mindestens ein Ziel konnte auf jeden Fall erreicht werden: Alle Beteiligten waren stolz, „Natur Dahoam“ in der angestrebten Zeit umgesetzt und verteilt zu haben.

Die Inhalte

Um den Zielen gerecht zu werden, wurden unterschiedliche Typen von Inhalten gemischt. Im Mittelpunkt standen dabei Texte und Bilder zu unterschiedlichen Naturschätzen im Markt. Dabei wurde Wert darauf gelegt, dass möglichst viele der 20 Dörfer in sechs Altgemeinden Ansatzpunkte für Identifikation bekamen. So ließ sich sowohl Bewusstsein für schützenswerte Flächen schaffen als auch grenzüberschreitend für eine Gemeindeidentität werben. Oft kennen Bürgerinnen und Bürger nur die Biotope in unmittelbarer Nähe ihres Wohnortes. Umso größer war die Überraschung für viele, was die gesamte Gemeinde alles zu bieten hat – so jedenfalls die aus Rückmeldungen gewonnene Erkenntnis. Der Hinweis auf besondere Biotope wurde durch historische Sehenswürdigkeiten ergänzt. Die Verbindung von Kultur und Natur macht die Anliegen grundsätzlich leichter transportierbar.

Wichtig waren der Ortsgruppe auch Aktionsartikel, die grafisch blau unterlegt gesetzt wurden und für Änderungen der Verhaltensweisen werben – etwa weniger Mahd, Schutz der Waldränder, mehr Naturnähe bei der Gartengestaltung oder Schutz der Wiesenbrüter.

Eine weitere Artikelgruppe bezieht sich auf die Aktivitäten der Ortsgruppe – also das, was im abgelaufenen Jahr geleistet wurde – von der Räumung einer Böschung über die Bepflanzung eines Grabens bis zu den zahlreichen, teils gut besuchten Veranstaltungen. Eine Bilderstrecke mit vielen Bildern holt möglichst viele Menschen ins Boot; hier finden sich auch viele Mitglieder wieder. Daneben gibt es Serviceelemente (Wer ist für was zuständig) und Beiträge der Partner von „Natur Dahoam“. QR-Codes verknüpfen die Zeitung mit der Webseite und den Social-Media-Kanälen.

Eine wichtige Rolle übernahm auch der Name des Produktes. „Natur Dahoam“ entstand im Zuge eines Brainstormings und erwies sich schnell als identitätsstiftend. Eine Skalierbarkeit für den bayerischen Raum ist ebenfalls gegeben. Das Prinzip lässt sich an andere Sprachräume anpassen.

Die Finanzierung

Die Vorlaufzeit von der Idee bis zur Umsetzung war ziemlich kurz. So blieb nur ein relativ kurzer Zeitraum für die Akquise von Partnern, die eine Finanzierung des Projektes unterstützen sollten. Damit trotz der kurzen Vorbereitungszeit effektiv Partner gewonnen werden konnten, wurden mögliche Investoren gefiltert:

  • Wer sind die wirtschaftlich größten Stakeholder der Gemeinde?
  • Wer davon hat Interesse, sich der Bürgerschaft gegenüber in dem Kontext vorzustellen?
  • Welche Ansatzpunkte bieten diese Stakeholder für eine redaktionelle Integration
  • Welche Art der Integration passt in die Philosophie der Ortsgruppe?

Am Ende bekam der Netzbetreiber Tennet die Chance, die laufenden Baumaßnahmen in der Marktgemeinde inklusive der Ansprechpartner vorzustellen. Ein großes Farbenwerk, das Wert auf nachhaltiges Auftreten legt, durfte seine Ausgleichsflächen präsentieren. Der lokale Energieversorger und ein Biohof schalteten Anzeigen. Die zwei Geldinstitute der Gemeinde – die Volksbank und die Sparkasse – beteiligten sich mit Spenden.

Hier zeigte sich: Gut formulierte Anschreiben, ein Antizipieren möglicher Interessen und eine intensive Nutzung des Netzwerks brachten auch ohne Referenz einen beachtlichen Anteil der benötigten Mittel zusammen. Die Akquise dürfte beim zweiten Mal mithilfe einer Referenz deutlich einfacher sein.

Grundsätzlich lässt sich festhalten: Eine gründliche Recherche aller potenziellen lokalen Geldgeber mit der Formulierung eines Ansatzes für eine Nutzwert-Argumentation und die Frage „Wer kennt wen?“ im Netzwerk, stehen am Anfang der Akquise. Außerdem wäre jeweils zu prüfen, ob öffentliche Fördermittel – etwa zur Unterstützung von Vereinsarbeit – für ein solches Projekt eingeworben werden können.

Die Herstellung

Alle Texte wurden jeweils als Word-Datei abgefasst und zusammen mit einem oder mehreren Bildern in einem Ordner abgespeichert. Bildunterschrift, Bildautor/in und mögliche Links zu weiterführenden Inhalten wurden unter dem Text dem Word-Dokument hinzugefügt. So hatte die Grafik später alle benötigten Inhalte zu jedem Artikel beieinander.

Parallel erfolgte die Suche nach einer Grafik-Agentur. Auch hier konnte ein lokales Angebot genutzt werden. Dabei erwies es sich als schwierig, allen Beteiligten sofort eine Vorstellung von dem fertigen Produkt zu vermitteln, weshalb auch das Angebot der Agentur unscharf blieb und am Ende deutlich nach oben abwich. Ein Dummy in DIN A4 (einfach 3 DIN-A4-Seiten aufeinandergelegt und auf DIN A5 gefaltet) half dann sowohl der Redaktion als auch der Grafik, den Seitenverlauf nachzuvollziehen und die Themen schlüssig auf die Seiten aufzuteilen.

Am Ende bot eine Internet-Druckerei das „Rheinische Zeitungsformat“ (350 × 510 mm) als Ausgabeformat an. Das ist etwas kleiner als A2. Damit standen drei Druckbögen mit 12 Seiten zur Verfügung.

Die Herstellung erfolgte durch eine Grafikerin mithilfe des Programms InDesign. Die Korrektur erfolgte von Seiten der Redaktion durch die Ortsgruppe. Trotz der Premiere lief die Herstellung reibungslos ab. Die Grafikerin identifizierte sich mit dem Projekt und antizipierte das angestrebte Ziel.

Der Vertrieb

Die Spedition lieferte bereits drei Tage nach der Einreichung der Daten bei der Druckerei 7.500 „Natur Dahoam“ in 75 Stapeln à 100 Zeitungen auf Palette an. Anfangs war geplant, die Zeitung mit der Post zu verbreiten. Das hätte rund 1.500 € für die 6.000 Haushalte gekostet. Allerdings stellte sich heraus, dass die Post solche Einzelaufträge überhaupt nicht anbietet. Dafür lieferte der digitale Postmanager trotzdem eine exakte Aufstellung der Haushalte pro Dorf. Damit konnte eine Verteilung durch die Ortsgruppenmitglieder und zusätzlich gegen Honorar durch interessierte Jugendliche geplant werden.

Durch die Aufteilung auf etwa 20 Verteilerinnen und Verteiler gelang die Zustellung der 6.000 Zeitschriften innerhalb von zwei Tagen netto. Zwar zog sich der Verteilprozess etwas länger hin, was aber daran lag, dass nicht alle Zusteller sofort Zeit hatten und ein Teil der in der Gemeinde überschüssigen Zeitungen anschließend in den Dörfern verteilt wurden, die unmittelbar hinter der Gemeindegrenze liegen. Hier konnte bei Einwohnerinnen und Einwohnern noch von einem direkten Bezug zum Inhalt ausgegangen werden.

Für die Verteilung wurden noch einmal rund 300 € an Honoraren aufgewendet – in erster Linie für junge Erwachsene, die über das BN-Netzwerk hinaus Interesse bekundet hatten. Hinweise auf Briefkästen (Keine Werbung/Keine kostenlosen Zeitungen) wurden mit der Annahme ignoriert, dass ein einmaliges, ehrenamtliches Projekt nicht unter die von den Eigentümern intendierte Ablehnung fällt.

Das eigenhändige Austeilen von Natur Dahoam durch die Mitglieder garantierte ein zuverlässiges und zügiges Erreichen aller Haushalte.
Das eigenhändige Austeilen von Natur Dahoam durch die Mitglieder garantierte ein zuverlässiges und zügiges Erreichen aller Haushalte. © Tjards Wendebourg

Das Ergebnis

Wegen der Vielzahl der Ziele, bei denen nicht für alle eine Evaluierung der Zielerreichung kurzfristig möglich ist, steht eine Gesamtbewertung im Vordergrund. So lässt sich festhalten, dass der Stolz, das Projekt erfolgreich durchgezogen zu haben, der Ortsgruppe einen Schub verliehen hat. Viele positive Rückmeldungen (von denen einige die Richtigkeit der getroffenen Annahmen bestätigen) geben außerdem einen Hinweis darauf, dass das Projekt bei Bürgerinnen und Bürgern sehr gut ankam. Bei persönlichen Kontakten kam das Gespräch meist zügig auf „Natur Dahoam“. Das gab zusätzlichen Rückenwind für die Initiatoren.

Bei den quantifizierbaren Zielen lassen sich kurz nach Abschluss des Projektes noch keine Aussagen treffen. Die Zahl neuer Follower in den Sozialen Medien lag eher unter den Erwartungen, was unterschiedliche Gründe haben kann.

Für ein Folgeprojekt lassen sich Aufwand, Kosten und zu akquirierende Mittel auf jeden Fall besser einschätzen, was eine Wiederholung erleichtert. Auch wird die Vorlage einer Referenz eine Projektwiederholung einfacher machen. Insgesamt wird „Natur Dahoam“ innerhalb der Ortsgruppe als großer Erfolg gewertet.

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