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Dekade der Wiederhestellung

10 Jahre für unsere Ökosysteme

Mit dem Jahr 2026 beginnt die zweite Hälfte der UN-Dekade zur Wiederherstellung von Ökosystemen. Auch in Deutschland wurden in den letzten 5 Jahren zahlreiche Projekte gefördert und ausgezeichnet, die sich dem Erhalt, dem Wiederaufbau oder der Pflege bedrohter Ökosysteme in Natur- und Kulturlandschaften widmen. Die aktuelle Halbzeit bietet einen guten Zeitpunkt, um einen Blick auf bereits erfolgreich gestartete Renaturierungsprojekte zu werfen und einen Einblick in die Fördermöglichkeiten zu geben.

von Swane Jung erschienen am 12.01.2026
Naturlehrpfad Ewiges Meer © Swane Jung
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Wilde Bäche

Langsam und unscheinbar fließt der kleine Bach in einem Graben zwischen Feldern und Weideflächen hindurch. Wie mit dem Lineal gezogen verläuft er über weite Strecken unnatürlich gerade, entlang der weitläufigen landwirtschaftlichen Flächen, und macht nur ab und zu eine kleine Kurve. Die steile Böschung ist von Gras bewachsen, nur an wenigen Stellen stehen am schwer zugänglichen Ufer niedrige Sträucher.

Ähnlich wie der Erbsenbach, der 9 km zwischen den hessischen Ortschaften Roßdorf, Gundernhausen und Dieburg fließt, sehen heute viele Bäche in Deutschland aus. Jahrzehntelange Anpassungsmaßnahmen und Eingriffe haben dazu geführt, dass nur noch wenige Bäche ihrem natürlichen Verlauf folgen und sich ihre Gewässerqualität stark verschlechtert hat. Doch das soll sich in den nächsten Jahren ändern: Für das Projekt „100 wilde Bäche für Hessen“ wurden neben dem Erbsenbach 99 weitere Fließgewässer ausgewählt, die von der Quelle bis zur Mündung in einen naturnahen Zustand zurückversetzt werden sollen.

Erbsenbach bei Dieburg
Erbsenbach bei Dieburg © Swane Jung

Gefährdete Lebensgrundlagen schützen

Wälder, die Sauerstoff produzieren, Moore, die Kohlenstoff speichern, Böden, die Wasser filtern – Ökosysteme erfüllen unterschiedliche Aufgaben, die für alle Lebewesen auf der Erde die Lebensgrundlage bilden. Durch die rücksichtslose Nutzung dieser als selbstverständlich angesehenen Ressourcen und den immer weiter steigenden Bedarf an Rohstoffen und Nahrungsmitteln hat der Mensch insbesondere in den letzten 150 Jahren zunehmend in Ökosysteme eingegriffen und diese dadurch massiv geschädigt. Diese Schädigung ist nicht mehr zu übersehen, der Rückgang der Biodiversität ist im Artensterben präsenter als je zuvor und extremere Wetterereignisse wie Trockenheit und starke Unwetter können nicht mehr durch natürliche Landschaftsstrukturen ausgeglichen werden.

Um ein Bewusstsein für die Relevanz und Gefährdung der Ökosysteme zu erschaffen und um diese langfristig wiederherzustellen und zu schützen, wurde von den Vereinten Nationen im Jahr 2021 die Dekade zur Wiederherstellung von Ökosystemen ausgerufen.

Bereits seit den 1960er Jahren werden von den Vereinten Nationen Dekaden ausgerufen, die die Aufmerksamkeit auf wichtige und dringende Probleme wie beispielsweise Rassismus, Abrüstung oder Umweltprobleme lenken sollen. Durch eine Erklärung der Generalversammlung der Vereinten Nationen werden in diesem Rahmen langfristige Ziele und Maßnahmen festgelegt, die durch die Politik und Organisationen der 70 beteiligten Staaten umgesetzt werden sollen. Zudem wird durch Fördermaßnahmen die Vernetzung und der Wissenstransfer zwischen Organisationen ermöglicht, werden Projekte mit finanziellen und technischen Mitteln gefördert und besondere Leuchtturmprojekte, die Herausragendes zur Wiederherstellung, zum Erhalt oder der Pflege von Ökosystemen beitragen, ausgezeichnet.

Eine Auszeichnung hat auch das Projekt „100 wilde Bäche für Hessen“ erhalten, denn hierbei sollen nicht nur den Verläufen der Gewässer mehr Raum gegeben und dadurch eine eigendynamische Gewässerentwicklung ermöglicht werden, auch die Biodiversität und der Hochwasserschutz stehen im Fokus. Zudem zeigt das Vorhaben beispielhaft auf, wie Projekte durch den Einsatz eines externen Dienstleisters nicht nur geplant, sondern vor allem langfristig über kommunale Grenzen hinweg umgesetzt werden können: Insgesamt werden 1.150 km Fließgewässer renaturiert, beteiligt sind über 150 Kommunen. Gerade das ist ein Punkt, an dem viele Projektvorhaben scheitern, da bei großflächigen Renaturierungsmaßnahmen viele Grundstücksbesitzer und Verwaltungsbereiche involviert sind und koordiniert werden müssen.

UN-Dekade zur Wiederherstellung von Ökosystemen (2021–2030)

Die UN-Dekade zur Wiederherstellung von Ökosystemen läuft von 2021 bis 2030 und wurde durch eine Resolution der Generalversammlung der Vereinten Nationen beschlossen. Koordiniert wird sie vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) und der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO). Ziel ist die Wiederherstellung von mindestens 1 Mrd. ha geschädigter Land- und Meeresökosysteme weltweit.

Hintergrund ist, dass rund 75 % der terrestrischen Ökosysteme und 66 Prozent der Meeresökosysteme global als stark beeinträchtigt gelten. Die Dekade unterstützt zentrale internationale Abkommen, darunter das Übereinkommen über die biologische Vielfalt, das Pariser Klimaabkommen und mehrere Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen. Renaturierungsmaßnahmen können laut UN-Schätzungen zur Bindung von bis zu 26 Gigatonnen CO2 beitragen.

Deutschland beteiligt sich an der Umsetzung der Dekade unter anderem durch Förderprogramme, Projektfinanzierung und die Auszeichnung besonders wirksamer Renaturierungsvorhaben.

Austernriffe und Insektenschutz

Wiederherstellung von Ökosystemen kann auch bedeuten, dass eine als ausgestorben geltende Art wieder angesiedelt wird. Schon seit den 1930er Jahren werden lebende Exemplare der riffbildenden Europäischen Auster (Ostrea edulis) nur noch selten in der Nordsee gefunden. Als Ursache für ihren starken Rückgang gelten der starke Schiffsverkehr, Schadstoffeinleitung und den Meeresboden schädigende Faktoren. Vor allem durch die intensive Bodenschleppnetzfischerei wird verhindert, dass sich die Art, die eine wichtige Filterfunktion in der Nordsee übernehmen und deren Riffe Fischlarven einen Lebensraum bieten, selbstständig wiederansiedeln kann. Eine Arbeitsgruppe am Alfred-Wegener-Institut (AWI) hat dazu im Projekt RESTORE & PROCEED eine Zuchtanlage auf Helgoland errichtet und ein Pilot-Austernriff mit 10.000 Jungaustern vor Borkum angelegt. Dabei wurde herausgefunden, dass eine Wiederansiedelung in der Nordsee unter den heutigen Bedingungen gelingen kann. Besonders wichtig ist dabei jedoch, dass der Meeresboden, auf dem sich die Riffe bilden, langfristig und konsequent vor Nutzung geschützt wird.

Einen Großteil der Natur in Deutschland in Schutzgebiete umzuwandeln und den menschlichen Einfluss stark zu reduzieren, ist unmöglich, da riesige Flächen landwirtschaftlich genutzt werden. Umso wichtiger ist es, für den Erhalt der Biodiversität und der Wiederherstellung funktionierender Ökosysteme auch auf diesen Flächen nachhaltig zu handeln. Denn gerade landwirtschaftlich intensiv genutztes Grünland kann zu einem wichtigen, biodiversitätsreichen Lebensraum für Vögel, Amphibien und wirbellose Tiere werden, wenn bei der Mahd auf eine tierschonende Technik gesetzt wird. Um das zu ermöglichen, wird in einem Verbundprojekt der Universitäten Hohenheim und Tübingen ein spinnen- und insektenfreundliches Mähwerk entwickelt, das auf einem konventionellen Scheibenmähwerk basiert. Mittels einer Scheuche vor dem Mähwerk sollen die Wirbellosen vertrieben und durch eine veränderte Luftführung nicht mehr vom Boden angesaugt werden, wodurch weniger Tiere zu Schaden kommen. Um eine barrierefreie und kostengünstige Umsetzung der Forschungsergebnisse in die Praxis zu ermöglichen, wird in diesem Projekt mit einem Industriepartner, der Mähwerke produziert, zusammengearbeitet.

Fördermöglichkeiten

Gute Projektideen sind das eine, ohne eine sichere Finanzierung ist eine Umsetzung jedoch meist nicht möglich. Förderung für Initiativen, Verbände sowie wissenschaftliche Einrichtungen ist unter anderem mittels Bundes- und Landesmitteln durch das Bundesamt für Naturschutz (BfN) möglich. Da sich die Fördermöglichkeiten und die dazugehörigen Anträge je nach Projektidee unterscheiden, empfiehlt es sich, vor Antragstellung eine Erstberatung in Anspruch zu nehmen. Das Kompetenzzentrum Natürlicher Klimaschutz ist ein möglicher Ansprechpartner und gibt zu Fördermöglichkeiten, aber auch zu fachlichen Belangen Auskunft. Auf der Internetseite des BfN gibt es zudem die Möglichkeit, sich über bereits geförderte Projekte zu informieren. Renaturierungsvorhaben können aber auch über vielfältige Förderprogramme der Bundesländer oder der EU unterstützt werden. Hierzu bietet die Förderdatenbank des Bundes einen umfassenden Überblick und es lohnt sich, auch einen Blick auf Förderprogramme für andere Bereiche zu werfen da hierbei häufig eine indirekte Verwendung der Gelder für Naturschutzmaßnahmen möglich ist. Eine weitere Möglichkeit bietet insbesondere bei lokalen Projekten die Kooperation mit großen Industriepartnern oder kleineren Betrieben, die sich wie im Fall der oben beschriebenen Mahdtechnik finanziell oder durch die Bereitstellung von Infrastruktur einbringen können.

Langer Atem

Um Ökosysteme dauerhaft zu schützen, ist es wichtig, dass auch nach einer Förderperiode wie der UN-Dekade das Bewusstsein für die Relevanz und die Empfindlichkeit der Biotope aufrechterhalten wird. Nur so können die häufig viele Jahrzehnte andauernden Renaturierungsmaßnahmen umgesetzt werden, sich Pflanzen und Tiere erholen und neue Lebensgemeinschaften entstehen.

Eine Möglichkeit, das Bewusstsein für den Schutz von Ökosystemen zu erhalten, ist die Errichtung von Lehrpfaden, wie einer seit dem Jahr 2000 am Naturschutzgebiet Ewiges Meer, Großes Moor bei Aurich zu finden ist. Tafeln neben den Wegen informieren die Besucherinnen und Besucher hier über die Besonderheiten des Lebensraumes und über seine seltenen Bewohner, wie Moorfrösche, Heidelibellen und Waldeidechsen. Bereits seit 1936 stehen Teile des Hochmoores mit dem größten Hochmoorsee Deutschlands unter Schutz. Im Laufe der Zeit wurde das Gebiet auf insgesamt 1.180 ha erweitert und als FFH-Gebiet sowie EU-Vogelschutzgebiet deklariert.

Moore sind nicht nur Lebensraum für zahlreiche hochspezialisierte Tier- und Pflanzenarten, sie binden auch große Mengen klimaschädlicher Treibhausgase, die bei Nutzbarmachung der Flächen freigesetzt werden. Durch Wiedervernässungsmaßnahmen kann dem Ausstoß dieser Gase entgegengewirkt und es können Effekte von Extremwetterereignissen wie Dürren abgemildert werden. Viele ehemalige Moorflächen werden heute jedoch als Weideflächen oder für die Torfgewinnung genutzt. Auch im südlichen Teil des Moores bei Aurich wurde bis 2013 noch in industriellem Maßstab Torf entnommen. Heute ist ein großer Anteil dieser Flächen durch weiterhin andauernde Wiedervernässungsmaßnahmen renaturiert und bietet seltenen Arten einen Lebensraum.

Die letzten Jahre der Dekade brechen an, vier weitere Jahre, in denen neue Projekte beginnen können und auf bereits gewonnene Ergebnisse aufgebaut werden kann. Für die Renaturierung unserer Ökosysteme ist ein langer Atem unabdingbar, denn ihre Gefährdung wird relevant bleiben, da der Mensch immer mehr Raum einnimmt und weiter in diese wichtigen Bereiche der Natur vordringt.

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