Geben Sie einen Suchbegriff ein
oder nutzen Sie einen Webcode aus dem Magazin.

Geben Sie einen Begriff oder Webcode ein und klicken Sie auf Suchen.
Weidelandschaft 2026

Heide nicht ohne Schafe, und Schafe nicht (ganz) ohne Heide

An manchen Tagen ist es herausfordernd, die 700 Schafe seiner Herde auf den Weideflächen zu halten, sagt Clemes Lippschuss, der seit 2013 Schäfer im Naturpark Lüneburger Heide ist – der Weidelandschaft des Jahres 2026. Denn auch wenn seine Heidschnucken an das karge Futter in der Heide, das Heidekraut, angepasst sind, zieht es sie dorthin, wo es besonders grün ist.

von Swane Jung erschienen am 09.04.2026
Heidschnucken in der blühenden Lüneburger Heide © Sandra Lorenzen-Mueller/Shutterstock.com
Artikel teilen:

„An solchen Tagen darf man nicht nachgeben, da müssen auch die Hunde richtig arbeiten“, erzählt Lippschuss weiter. „Unser Schwerpunkt als Schäfer hier ist die Landschaftspflege. Heide geht nicht ohne Schafe, allerdings auch nicht ohne Maschinen.“ Denn die Lüneburger Heide in ihrem heutigen Zustand ist eine durch menschlichen Einfluss geprägte und geformte Naturlandschaft, die ohne Pflege nicht bestehen kann.

Bis zum Ende der Jungsteinzeit vor etwa 5.000 Jahren waren die Flächen der heutigen Lüneburger Heide noch mit dichten Wäldern bedeckt. Diese begannen sich mehr und mehr zu lichten, als die Wälder intensiv als Weideflächen genutzt wurden. Durch den Verbiss der Jungpflanzen hatte der Wald nicht die Möglichkeit, nachzuwachsen und es bildeten sich erste Heideflächen. Diese weiteten sich weiter aus, als die Menschen vor etwa 1000 Jahren begannen, sich fest niederzulassen und die Landschaft dauerhaft landwirtschaftlich zu nutzen. Durch Beweidung und Holzgewinnung wurde der Wald verdrängt, der Ackerbau entzog den nährstoffarmen Böden weitere Nährstoffe. Um Nährstoffe auf die Äcker ausbringen zu können, wurde der Oberboden im Gebiet der heutigen Lüneburger Heide abgetragen und als Einstreu für Heidschnuckenställe genutzt. Durch die Ausscheidungen der Tiere mit Nährstoffen angereichert, wurde dieser wieder auf den Feldern ausgebracht, eine Vorgehensweise, die auch heute noch durchgeführt wird. Auf durch Plaggen weiter ausgelaugten Böden waren nur wenige Pflanzen noch in der Lage, zu wachsen, wodurch sich die für die Heidelandschaft charakteristischen Pflanzen wie die Glocken- und Besenheide sowie Ginster und Wacholder ausbreiten konnten.

Bis weit ins 19. Jahrhundert wurde auf den Flächen der Lüneburger Heide klassische Heidebauernwirtschaft betrieben. Durch den Einsatz von Düngemitteln seit den 1950er Jahren wurden jedoch große Flächen wieder in nutzbares Ackerland umgewandelt und nur ein geringer Teil der ursprünglichen Heideflächen ist heute noch intakt.

Bereits als Kind war Clemens Lippschuss begeistert von den Wanderschäfern, die durch seinen Heimatort zogen. Für Wanderschäferei ist das Gebiet heute zu fragmentiert, aber die Beweidung bleibt eine der wichtigsten Landschaftspflegemaßnahmen in der Heide. Eingesetzt werden dafür die Graue Gehörnte Heidschnucke, die Weiße Hornlose Heidschnucke (Moorschnucke) und die Weiße Gehörnte Heidschnucke. Diese Rassen sind in der Lage, Heidekraut und faserreiche Gräser zu fressen, was für andere Weidetiere zu nährstoffarm ist.

Die großen Schnuckenherden fressen neben aufkommenden Sträuchern und Bäumen hauptsächlich die frischen Triebe der Heidepflanzen, wodurch diese jung gehalten werden und üppiger blühen. Mit ihren scharfen Hufen verhindern sie zudem das Aufwachsen von Moos. In vielen Herden sind mittlerweile auch Ziegen zu finden, die Gehölze anfressen, die von den Schnucken gemieden werden. „Nach einem Ausflug auf eine grüne Wiese freuen sich die Tiere dann aber auch wieder über das Heidekraut“, erzählt Schäfer Lippschuss. Denn im Gegensatz zu Gras, das fast nur aus Wasser besteht, macht das strukturreiche Heidekraut auch länger satt.

Am Ende des Winters ist das Fell des Weißen Gehörnten Heidschucken-Blocks etwas verfilzt.
Am Ende des Winters ist das Fell des Weißen Gehörnten Heidschucken-Blocks etwas verfilzt. © Frauke Muth

Neben der Beweidung sind weitere Pflegemaßnahmen wie das manuelle Entfernen von Baumsprösslingen mit Spaten und Astschere (Entkusseln) und regelmäßige maschinelle Arbeiten wie Schoppern, Brennen und Plaggen notwendig, um die Heide erhalten zu können. Letztere dienen dazu, den Boden nährstoffarm zu halten, da sich durch die Luft und als natürlichen Prozess der Landschaftsentwicklung Nährstoffe im Boden anlagern und so die Ausbreitung von schnellwachsenden Gräsern ermöglichen.

Dem kann durch das Abtragen der oberen Bodenschichten entgegengewirkt werden, wie es bereits jahrhundertelang im Rahmen der Heidebauernwirtschaft durchgeführt wurde. Mit speziellen Maschinen werden beim Schoppern Vegetation und Rohhumusauflage entfernt, beim Plaggen geht der Eingriff tiefer bis in den Mineralbodenhorizont. Dies dient dazu, Offenbodenbereiche zu erzeugen, auf denen sich dann Tiere und Pflanzen mit geringer Konkurrenzkraft ansiedeln können. Auch das Legen von Feuer und das kontrollierte Abbrennen der Heide sind eine Möglichkeit, die Flächen zu pflegen. Hierbei bleiben wichtige Nährelemente wie Phosphor und Magnesium im Boden erhalten und Tiere können von den sich im Frühling schneller erwärmenden dunklen Böden profitieren.

Welche der Maßnahmen angewendet werden, hängt vom Zustand der Flächen ab. Da es sich bei der Lüneburger Heide um ein Schutzgebiet handelt, werden diese invasiven Maßnahmen nur in Korridoren durchgeführt und so der Eingriff in die Tier- und Pflanzenwelt möglichst geringgehalten.

Zum Erhalt dieser besonderen Kulturlandschaft beitragen zu können, motiviert Clemens Lippschuss, jeden Tag mit seinen Schafen loszuziehen. Am schönsten ist es für ihn in der Heide im Frühjahr, wenn die Tiere nach der langen Stallzeit wieder rausdürfen, und im Herbst, wenn Landwirte ihre Ackerflächen für die Schafe freigeben. Dann fühle es sich ein bisschen wie Wanderschäferei an, wenn die ganze Herde Hindernisse wie zum Beispiel Straßen überqueren muss.

0 Kommentare
Was denken Sie? Artikel kommentieren

Zu diesem Artikel liegen noch keine Kommentare vor.
Schreiben Sie den ersten Kommentar.

Artikel kommentieren
Was denken Sie? Artikel kommentieren