
Praxistaugliche und umsetzbare Herdenschutzzäune
Weidetiere vor dem Wolf schützen – das ist keine leichte Aufgabe. Denn praxistaugliche und gleichzeitig wolfsabweisende Herdenschutzzäune stellen eine Herausforderung dar: zwischen dem insbesondere technisch möglichen Zaunbau und der Zumutbarkeit für die Tierhaltenden.
von Anja Nährig, BZWW erschienen am 04.04.2026Seitdem Wölfe wieder nach Deutschland zurückgekehrt sind, müssen Landwirtinnen und Landwirte sowie Hobbyhalterinnen und Hobbyhalter nicht nur auf Weidesicherheit achten, sondern ihre Tiere auch vor dem Wolf schützen. Als Weidesicherheit gilt das Schutzniveau, das die Tiere sicher innerhalb des Weidezauns hält. Es soll Schaden bei Dritten verhindern. Neben den technischen Weidezäunen gilt dabei immer noch die alte Bauernweisheit: „Der beste Weidezaun ist die Weide selbst.“ Soll heißen: Mit schmackhaftem Futter vor der Nase verlässt kein Weidetier freiwillig den Futtertisch. Äußere Einflüsse, wie zum Beispiel Wolfsübergriffe, führen allerdings zu Ausnahmen von dieser Weisheit.
Wölfe versuchen, möglichst effizient an viel Beute zu gelangen. Weidetiere, insbesondere Schafe, sind daher ein attraktives Ziel für die großen Beutegreifer. Deshalb müssen Weiden heute nicht nur vor dem Ausbruch der Weidetiere, sondern auch vor dem Eindringen der Wölfe gesichert werden. Der sogenannte wolfsabweisende Herdenschutzzaun zeichnet sich dabei durch einen deutlich höheren Aufwand aus: Er erfordert mehr Technik, mehr Arbeitsstunden im Aufbau und mehr Arbeitsstunden für Unterhalt und Pflege.
Kein Wettrüsten in der Praxis
Die Erfahrung zeigt: Bisher haben Wölfe aufgrund ihrer ausgeprägten Lernfähigkeit jede Art von wolfsabweisenden Herdenschutzzäunen überwunden. Laut einem Bericht der Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf (DBBW) haben Wölfe im Jahr 2024 bei knapp der Hälfte der betrachteten Übergriffe Herdenschutzmaßnahmen überwunden. Diese Angaben enthalten bisher nur jene Bundesländer, die bei den offiziell erfassten Wolfsübergriffen auch die angewandten Schutzmaßnahmen der Weidetiere erheben. Die wissenschaftliche Evaluation von Herdenschutzmaßnahmen in der Praxis ist äußerst schwierig und aufwendig. Auch deshalb gibt es auf nationaler und internationaler Ebene keine einheitlichen Empfehlungen zum Herdenschutz vor Wolfsübergriffen.
Viele Publikationen und Erkenntnisse aus der Praxis deuten aber darauf hin, dass nicht die Zaunhöhe, sondern ein gut funktionierender – oft gut elektrifizierter – Zaun entscheidend für die Abwehr von Wölfen ist. In der Praxis sollte daher kein „Wettrüsten“ mit immer höheren Zäunen stattfinden, sondern eine praktikable Koexistenz der Weidetierhaltung mit dem Wolf angestrebt werden.
Was macht einen Zaun wolfsabweisend?
Bei den Weidezäunen gibt es zwei Arten der Barrierewirkung: mechanisch (Festzaun) und elektrisch (Elektrozaun). Ein Festzaun sollte stabil, engmaschig und fest verbaut sein. Wölfe manipulieren mit der Pfote oder Schnauze den Zaun, um so eine Lücke zum Durchschlüpfen zu schaffen. Sehr hohe Festzäune kommen vor allem in der landwirtschaftlichen Gatterwildhaltung zum Einsatz. Hier empfiehlt sich das sogenannte Knotengitter.

Die Barrierewirkung eines Elektro-Herdenschutzzauns ergibt sich durch den Schmerz bei einer Berührung. Für den Elektrozaun und seine wolfsabweisende Wirkung spielt daher die Sicherstellung der elektrischen Funktion die wichtigste Rolle, nicht die Zaunhöhe. Für eine wolfsabweisende Wirkung sollte das Weidezaungerät mindestens 2 Joule abgeben. Eine hohe Spannung am Zaunleiter ist vorteilhaft. Ab einer Zaunspannung von 2.000 V erhalten Wölfe und Weidetiere einen abschreckenden Stromschlag. Diese Mindestspannung sollte zu jeder Zeit am Zaun anliegen. Ebenso ist auf eine ausreichende Erdung für einen geschlossenen Stromkreislauf zu achten.
Überkletter- und Untergrabschutz für Zäune
Das Untergraben von Zäunen ist für Wölfe ein sehr typisches Verhalten. Dem kann mit einem Untergrabschutz entgegengewirkt werden. Beim Elektrozaun mit Litze oder Elektronetzen verläuft der stromführende Leiter dafür 20 cm über der Erde. Für Festzäune ergeben sich zwei Möglichkeiten: Entweder wird ebenfalls ein elektrischer Leiter 20 cm über der Erde angebracht oder der Zaun beziehungsweise eine Schürze in die Erde eingelassen.
Das Überklettern von Zäunen ist eine weitere Möglichkeit, wie Wölfe in Herden eindringen. Die Beutegreifer wenden diese Technik insbesondere bei nicht elektrifizierten Festzäunen an. Daher sollte der obere Abschluss der Festzäune mit einer elektrischen Litze versehen sein. Eine stabile Umfriedung beziehungsweise ein straffer Zaun stehen für einen ordnungsgemäßen Herdenschutz und sind oft die Voraussetzung für eine Entschädigung nach einem Wolfsübergriff. Zu beachten ist allerdings: Je stabiler ein nicht elektrifizierter Zaun ist, umso leichter kann ein Wolf ihn überklettern.
Ohne Bodenkontakt kein Stromschlag
Beim Überspringen eines Zauns hat der Wolf keinen Kontakt mehr mit der Erde und bekommt daher keinen schmerzhaften Stromschlag. Zeigen Wölfe dieses Verhalten, hilft keine Form der Elektrifizierung. Auch eine Erhöhung der Zäune hat in der Regel keinen längerfristigen Erfolg, denn Wölfe springen auch über 120 cm oder höhere Weidezäune und verlassen mit ihrer Beute die Weide wieder auf diesem Weg. Wölfe sind lernende Individuen und passen ihre Übergriffe an nahezu jedes Zaunsystem an.
Die Empfehlungen für Elektrozäune bei Schafen und Ziegen lauten: 90 cm hohe Netze oder vier elektrische Leiter auf 20 cm, 40 cm, 60 cm und 90 cm Höhe. Für Rinder und Pferde muss gegebenenfalls ein Draht mehr gespannt sein. Das ergibt sich aus der Körpergröße der Tiere (Widerristhöhe) und der Ausbruchsicherheit. Bei Pferden ist darauf zu achten, dass sie nicht einfädeln, also sich mit den Beinen im Zaun verfangen. Hier sollten auf den zwei unteren Leitern nur ummantelte Drähte verwendet werden.

Eine wiederkehrende Debatte – was ist der Praxis zuzumuten?
In der Praxis werden sich nie Idealbedingungen finden lassen. Für den betriebsindividuellen Aufbau eines wolfsabweisenden Elektrozauns müssen der Standort, die Region sowie die geografischen, vegetativen und soziologischen Verhältnisse mitbetrachtet werden. Auch (Extrem-)Wetterereignisse beeinflussen die alltägliche Handhabung der Zäune und die Anwendung eines wolfsabweisenden Schutzes. Und nicht nur die Kosten, die Herdenschutzzäune verursachen, sind Gegenstand der Debatte. Zusätzlich können etwa wegen technischer Grenzen oder auch aus topografischen Gründen nicht alle Maßnahmen überall umgesetzt werden – Stichwort „Zumutbarkeit von Herdenschutzmaßnahmen“.
Zum Beispiel ist in Steillagen oder auf Deichen der Aufbau eines Weidezauns oft nicht möglich und sehr arbeitsintensiv. Auch Vollumzäunungen großer Almkomplexe sind sehr teuer und teilweise nicht durchführbar. Auf steinig-felsigen Böden ist das Setzen von Erdungsstäben und Zaunpfählen nur sehr eingeschränkt oder gar nicht möglich. Zudem sind die Baugesetzgebung (Bauen im Außenbereich) und die Eigentumsverhältnisse (Pachtflächen, Laufzeiten der Verträge) limitierende Faktoren für wolfsabweisende Herdenschutzzäune. Die Grenzen der Zumutbarkeit müssen daher standortspezifisch geprüft werden.
Das Thema Herdenschutzzäune ist sehr komplex. Wenn ein Elektro-Herdenschutzzaun gebaut werden kann und der Wolf an ihm eine negative Erfahrung macht, ist das abschreckend. Überspringt ein Wolf jedoch einen wolfsabweisenden Herdenschutzzaun und reißt Tiere, wird er das sehr wahrscheinlich wieder tun, jedes Mal dazulernen und gegebenenfalls weitere Rudelmitglieder anlernen. Hier hilft die Entnahme als weitere Herdenschutzmaßnahme. Der schadstiftende Wolf oder das schadstiftende Rudel sollte so schnell wie möglich entnommen werden, damit sie das gelernte Verhalten nicht weitergeben.
Weitere Informationen zum Herdenschutz für Weidetiere und zum Wolfsmanagement finden Sie auf der Website www.bzww.de. Ab April 2026 steht dort auch die neue Broschüre des BZWW zu Herdenschutzzäunen kostenfrei zum Download zur Verfügung.
Die Weidetierhaltung ist ein elementarer Baustein für die Erhaltung von Kulturlandschaften und Ökosystemen in Deutschland. Wenn Wölfe mit ihrer Jagd auf Schafe und Rinder und andere Weidetiere dazu beitragen, dass die Weidetierhaltung unwirtschaftlich, unattraktiv und letztendlich aufgegeben wird, verantworten sie einen Rückgang der ökologischen Vielfalt in diesen Naturräumen. Das betrifft die Biodiversität von Flora, Fauna und Insekten ebenso wie die Rassevielfalt von Nutztieren. Die Gegenden verbuschen und sind nicht mehr für den Menschen nutzbar – ob durch die Landwirtschaft oder andere Branchen wie den Tourismus.
Die Weidetierhaltung trägt neben der nachhaltigen Erzeugung von Milch, Fleisch und Wolle wesentlich zum Erhalt der Biodiversität und der Offenlandschaften bei. Insbesondere die Schafhaltung ist ein wichtiger Bestandteil der Deichpflege für den Hochwasserschutz und damit der öffentlichen Sicherheit. Wir sollten uns klar darüber sein, dass Weidetiere eine Schlüsselrolle für den Erhalt von Ökosystemen wie beispielsweise Heidelandschaften oder Almwiesen einnehmen.









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