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Fließgewässer

Zu wenig Schutz im Schutzgebiet

Von Europas Naturschutzgebieten profitieren Flussökosysteme bislang nur begrenzt, zeigt eine neue Studie unter Leitung der Senckenberg-Forschenden Dr. James S. Sinclair und Prof. Dr. Peter Haase. Das internationale Forschungsteam untersuchte den Zustand von Flüssen an über 1.700 Stellen in zehn europäischen Ländern über einen Zeitraum von fast vier Jahrzehnten. Das Ergebnis: Bestehende Schutzgebiete brachten auch über Jahrzehnte hinweg nur in wenigen Fällen messbare Verbesserungen.

von Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung/Redaktion erschienen am 09.01.2026
Von aktuellen Schutzgebieten profitieren Europas Flüsse – wie hier der Vindelälven im schwedischen Naturschutzgebiet Vindelfjällen – nur wenig. © Danny C. P. Lau
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Die Forschenden untersuchten, wie sich die Vielfalt und Zusammensetzung von Flusslebewesen in geschützten und ungeschützten Gebieten entwickelt hat. Das Ergebnis: In den meisten Fällen gab es keinen erkennbaren Unterschied zwischen geschützten und ungeschützten Gewässern. Für bereits hochwertige, relativ saubere Flüsse hatte der Schutz kaum messbare Effekte – vermutlich da diese Gewässer ohnehin wenig belastet sind. Mittelmäßig oder leicht beeinträchtigte Flüsse wiederum konnten durch bestehende Schutzgebiete nur geringfügig verbessert werden. Ausschließlich stark belastete Flüsse profitierten – vorausgesetzt, der Schutz umfasste weite Teile des Einzugsgebiets.

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass bestehende Schutzgebiete in Europa für Flüsse und ihre Arten nur begrenzt wirksam sind“, erklärt Erstautor Dr. James Sinclair vom Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt. „Nur dort, wo große Teile des Flusseinzugsgebiets geschützt waren, konnten wir Verbesserungen bei der Artenvielfalt und Wasserqualität feststellen. Kleinflächige Schutzmaßnahmen direkt am Ufer reichen offensichtlich nicht aus, um Flüsse wirklich zu entlasten.“

Die Forschenden betonen, dass viele Schutzgebiete ursprünglich für Landökosysteme – etwa Wälder oder Lebensräume seltener Vögel und Säugetiere – ausgewiesen wurden. Flüsse und ihre ökologischen Besonderheiten wurden dabei oft außer Acht gelassen. Schadstoffe oder landwirtschaftliche Einträge außerhalb der Schutzgebiete können so dennoch in die Gewässer gelangen. „Flüsse sind keine isolierten Lebensräume, sondern Teil eines Netzes, das sich weit über die eigentlichen Schutzgrenzen hinaus erstreckt“, betont Prof. Dr. Peter Haase, Letztautor der Studie und Leiter der Sektion Fluss- und Auenökologie am Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt. „Wenn wir nur einzelne Abschnitte schützen, aber nicht das gesamte Einzugsgebiet mitdenken, bleibt der Nutzen gering.“

Das Forschungsteam plädiert daher dafür, den Gewässerschutz künftig ganzheitlich zu planen. Statt isolierter kleiner Schutzflächen müsse das gesamte Einzugsgebiet eines Flusses in den Blick genommen werden – von der Quelle bis zur Mündung. Dazu gehören auch Uferzonen, Nebenflüsse und angrenzende Landschaften. „Ein effektiver Schutz von Flüssen gelingt nur, wenn Land- und Wasserökosysteme gemeinsam gedacht und gemanagt werden“, so Sinclair. „Wir müssen die Grenzen zwischen terrestrischem und aquatischem Naturschutz auflösen.“

Die Studie weist außerdem darauf hin, dass viele Schutzgebiete menschliche Nutzung weiterhin zulassen – etwa Land- oder Forstwirtschaft. Das kann den Nutzen für Flüsse einschränken. Zusätzlich zu strengeren Regeln plädieren die Forschenden daher für besser abgestimmte Managementkonzepte, die lokale Gemeinschaften einbeziehen und die Bedürfnisse der Gewässer explizit berücksichtigen.

Mit Blick auf internationale Biodiversitätsziele – etwa die Vereinbarung, bis 2030 mindestens 30 % der Erdoberfläche unter Schutz zu stellen – zeigt die Studie, dass reine Flächenziele nicht genügen, wenn die Qualität und Ausgestaltung des Schutzes unzureichend sind. „Unsere Arbeit macht deutlich, dass es nicht nur darauf ankommt, wie viel Fläche geschützt wird, sondern wie diese Gebiete gestaltet und vernetzt sind“, erklärt Haase. „Nur ein ganzheitlicher Ansatz kann den Rückgang der Artenvielfalt in Flüssen stoppen – und damit auch positive Effekte für angrenzende Land- und Meeresökosysteme entfalten.“

„Unsere Studie eröffnet wichtige Perspektiven für Politik und Naturschutz“, ergänzt Sinclair und schließt: „Zukünftige Schutzstrategien sollten stärker auf gesamte Flusseinzugsgebiete ausgerichtet werden. Dazu gehören Maßnahmen gegen Verschmutzung, eine nachhaltige Landnutzung und die Wiederherstellung natürlicher Flussverläufe. Nur so können Schutzgebiete ihre volle Wirkung für die Gewässer und ihre wertvollen Lebensgemeinschaften entfalten.“

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