Windräder im Wald konterkarieren den Klimaschutz
Eine gute Planung benötigt gute Methoden und Daten. Beide sind aber nicht immer verfügbar: Wie zum Beispiel lassen sich die Wirkungen von Windenergie- und Freiflächen-Photovoltaik-Anlagen auf die Kohlenstoff-Senken- und -Speicherfunktion von Ökosystemen bewerten? Denn kluge Standortentscheidungen sollten, ja müssten durch Anwendung der Umweltprüfinstrumente dafür sorgen, dass Landschaftsfunktionen bzw. Schutzgüter so wenig wie möglich eingeschränkt werden.
von Eckhard Jedicke erschienen am 29.08.2025Das gilt auch für den gesetzlich vorgeschrieben natürlichen Klimaschutz, also Beiträge von Ökosystemen zur Bindung und Speicherung von Treibhausgasen. Bisher fehlte ein gutes Instrument, um Bilanzen natürlicher Klimaschutzfunktion für ein Screening zur Umweltfolgenbewältigung in der Raum- und Bauleitplanung sowie die Bürgerbeteiligung aufzubereiten. In der vorliegenden Ausgabe liefern Christina von Haaren und Jordan Siebel einen solchen methodischen Ansatz.
Renaturierung zuerst
Ökosysteme bieten derzeit die einzige natürliche Möglichkeit, CO2 wieder aus der Atmosphäre zurückzuholen. Technische Optionen haben noch keine Marktreife erlangt. Daher muss es strikt geboten sein, Ökosysteme in ihrer Wirksamkeit für den natürlichen Klimaschutz durch Nutzungsentscheidungen so wenig wie irgend möglich einzuschränken: durch Optionen der Land- und Forstwirtschaft genauso wie durch Eingriffsvorhaben, insbesondere graue Infrastruktur, einschließlich erneuerbarer Energien. Für Christina von Haaren und Jordan Siebel ergibt sich eine klare Schlussfolgerung: „Wälder sollten grundsätzlich nicht für den Bau von Windenergieanlagen in Anspruch genommen werden“ – sie müssten es auch nicht, wenn die Potenziale umweltschonend platzierter Freiflächen-PV-Anlagen genutzt würden. Und weiter: „Die Renaturierung der Wälder unter Beachtung der Klimaschutzfunktion, der hydrologischen Funktionen und der Biodiversität sollte im Vordergrund stehen.“
Ein Dilemma
Sätze mit Zündstoff, denn ihre Umsetzung in die Genehmigungspraxis beziehungsweise dazu notwendige Lenkung durch den Staat nehmen Investoren wie Landnutzende nachvollziehbar als massiven Eingriff in ihre unternehmerischen Freiheiten wahr. Ein Dilemma, das sich kaum auflösen lässt. Doch die Klimakrise wirkt so existenziell auf die Menschen, ihre Gesellschaft und die Funktionen ihrer Umwelt, dass mehrere Knoten aufzuknüpfen sind:
Erstens: Für Waldbesitzende wie Windenergie-Investierende sind Waldstandorte zunehmend attraktiv. Die einen locken attraktive Pachteinnahmen, mit welchen sie die in der Klimakrise unwägbare Waldbewirtschaftung quersubventionieren können. Die anderen nutzen die auf bewaldeten Bergrücken oft größere Windhöffigkeit und durch Siedlungsferne geringeren Proteste. Da ist ein pauschales Ausschließen von Windenergie auf Waldstandorten schwer durchsetzbar.
Zweitens: Wälder wie auch Moorböden, Acker- und Grünlandstandorte müssten systematisch als Senken und Speicher für Treibhausgase entwickelt werden. Reine Nutzenserwägungen für Holz- und Agrarprodukte müssten sich in ein umfangreicheres System von Ökosystemleistungen einordnen.
Die Menschen mitnehmen
Gute Methoden und Daten für die Planung bilden die eine Sache. Ohne darauf aufbauende kluge und vorausschauende, auf das Überleben der Menschheit ausgerichtete politische Weichenstellungen hier und heute aber bleiben sie weitgehend unwirksam. Eine Herkulesaufgabe für die inter- und transdisziplinäre Nachhaltigkeitsforschung, denn ein lenkender Staat kommt in einer lebendigen Demokratie nicht umhin, die Menschen zu überzeugen und bei seinen Entscheidungen mitzunehmen.
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