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Clancy

Vier Länder gegen die Wollhandkrabbe

Chinesische Wollhandkrabben haben sich in den letzten 100 Jahren in zahlreichen Flusssystemen Europas erheblich ausgebreitet – zum Nachteil der heimischen Flora und Fauna. Ein Team aus Belgien, Frankreich, Schweden und Deutschland arbeitet nun gemeinsam daran, die Population zu reduzieren und so den ökologischen Zustand der Flüsse zu verbessern.

von Julia Bächtle erschienen am 01.02.2026
Ausgewachsene Wollhandkrabbe © Heleen Keirsebelik
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Sie kommen nicht allein, nicht einmal im Dutzend: Chinesische Wollhandkrabben kommen in Massen. Die auffälligen Krebstiere mit den scharfen Zacken am Panzer und der namensgebenden Behaarung an den Scheren wandern entlang der Flüsse – im Wasser, aber, wo es unter Wasser nicht weitergeht, auch über Land. Was nach reißerischem Aufmacher klingt, ist schlichtweg der Biologie der Art geschuldet: Jedes Weibchen legt bis zu einer Million Eier im Meer. Abermillionen Larven verdriften mit der Strömung in Küstennähe. Sobald die Jungtiere sich weit genug entwickelt haben, um selbst zu laufen, beginnen sie mit ihrer Wanderung: Die Flüsse hinauf, oft hundert Kilometer, wo sie im Süßwasser die meiste Zeit ihres Lebens verbringen. Nach etwa fünf Jahren wandern die ausgewachsenen Tiere schließlich zur Paarung wieder zurück ins Meer: Der Kreislauf beginnt von Neuem.

Junge Krabben in der Fischtreppe am Weserwehr
Junge Krabben in der Fischtreppe am Weserwehr © AWI/Björn Suckow

So weit, so harmlos? Leider nicht, denn die Ausbreitung der Wollhandkrabben hat Nachwirkungen. „Die Krabben sind omnivor. Sie fressen vor allem Pflanzen, aber auch Insekten und Benthosorganismen, sind also Nahrungskonkurrenten zu heimischen Arten. Außerdem verstecken sie sich gerne im dichten Pflanzenwuchs und schaden dabei der Vegetation. Zudem graben sie Löcher als Unterschlupf in die Uferböschungen – das trägt zur Erosion von Ufern und Deichen bei und trübt das Wasser“, erklärt Oliver Hauck vom Alfred-Wegener-Institut (AWI). Er ist Umweltwissenschaftler und beschäftigt sich schon seit acht Jahren intensiv mit Flusskrebsen, ausgehend von der Wiederansiedlung des bedrohten Edelkrebses, die oft daran scheitert, dass geeignete Gewässer bereits von invasiven Krebsarten besetzt sind – unter anderem von der Chinesischen Wollhandkrabbe. Die Auswirkungen der Art auf die Umwelt sind so enorm, dass die IUCN sie sogar auf ihre Liste der 100 schlimmsten invasiven Arten weltweit aufgenommen hat.

Durch ihre Grabaktivität schädigen die Wollhandkrabben Uferbereiche von Fließgewässern. © Heleen Keirsebelik

Das Massenauftreten der Art in Europa ist kein neues Phänomen: Bereits 1912 wurde sie erstmals in der Aller in Norddeutschland gefunden. Schon damals hat sich die Art rasend schnell vermehrt. „Es gibt Literatur aus den 30er-Jahren zur Bekämpfung der Art“, berichtet Björn Suckow, ebenfalls Umweltwissenschaftler am AWI. Die Krabben standen im Verdacht, Fische und deren Laich zu fressen, und auch über Schäden an Deichen wurde berichtet. Schnell wurde den Einwanderern der Kampf angesagt. Sogar Fallen wurden entwickelt, um der Plage Herr zu werden. „Aus der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg haben wir aber kaum noch Berichte über die Art gefunden“, so Suckow weiter. Es ist anzunehmen, dass die Flüsse in den folgenden Jahrzehnten zu verschmutzt waren und die Krabbenpopulation wie die Bestände anderer Arten zurückging. Inzwischen sind die Wollhandkrabben aber längst wieder auf dem Vormarsch – in so großen Zahlen, dass selbst Populärblätter über die Art berichten.

An der starken Ausbreitung der Art setzt das Interreg-Projekt „Clancy“ an. Das Projekt geht der Frage auf den Grund, ob man eine etablierte invasive Art erfolgreich bekämpfen kann. Es basiert auf Forschungen von Prof. Jonas Schoelynck aus Belgien, der sehr effektive Fallen für die invasive Art entwickelt hat und nun mit dem Projekt gemeinsam mit anderen europäischen Ländern die Population der Art reduzieren möchte, um so den ökologischen Zustand der Flüsse zu verbessern.

Der erste Schritt dazu: Wissen sammeln. Das Team des AWI sichtet dafür die wenige vorhandene Literatur, trägt Wissen zusammen, sammelt Daten zur Verbreitung der Art. „Wir müssen mehr lernen über das Wanderverhalten und die tatsächliche Anzahl der Tiere“, betont Oliver Hauck. „Es gibt einige Hinweise, vor allem von Anglern. Aber verlässliche und vergleichbare Zahlen liegen nicht vor.“ Die Daten sind dennoch wichtig. Schließlich gilt es auch, den Projekterfolg zu bewerten – es könnte nämlich auch sein, dass die Bekämpfung der Krabbe zwar gelingt, dafür aber andere invasive Arten die freiwerdende ökologische Nische besetzen.

Die Bekämpfung der Krabbe selbst ist ein weiteres wesentliches Projektziel. Es gilt dabei, die in Belgien entwickelte Falle in weiteren Flusssystemen zu testen – in Deutschland beispielsweise in der Weser. „Wir nutzen dabei vorhandene Infrastruktur, konkret die Fischtreppen des Weserwehrs in Bremen“, erklärt Björn Suckow. „Das ist günstiger, wir haben weniger Eingriffe in die Natur und es ist bei großen Flüssen, die nicht über ihre gesamte Breite mit einer Falle bestückt werden können, die effektivste Möglichkeit.“

Die Fallen machen sich das natürliche Verhalten der Krabben zu Nutze – die beiden großen Wanderungen am Anfang und am Ende ihres Lebens – und den Umstand, dass die Tiere nicht schwimmen können, sondern am Grund von Gewässern entlanglaufen. Die Fallen sind deshalb als Querrinnen mit je einem überkragenden Blech auf beiden Seiten der Rinne konzipiert. Die Krabbe, die die Falle passieren möchte, landet darin und kann – anders als schwimmende Tierarten, nicht wieder heraus. Stattdessen muss sie einen Ausweg suchen: Sie wählt den Landweg. Bei der Falle besteht dieser aus Kunststoffrohren, die schließlich in einem mit Frischwasser versorgten Auffangbehälter enden. Diese Konstruktionsweise sorgt auch dafür, dass die Fallen fast beifangfrei arbeiten.

Die erste Falle dieser Art hat binnen fünf Jahren bereits 2,5 Millionen Tiere auf diese Weise in einem kleinen Nebenfluss der Scheelde in Belgien gefangen – mit überraschend geringem Beifang: Lediglich drei Frösche gelangten in dieser Zeit in die Container und konnten wieder freigelassen werden. Auch in Deutschland zeigt der erste Testbetrieb: Die Fallen funktionieren. Die ersten Jungtiere gingen bereits in die Falle.

Junge Wollhandkrabbe im Weserwehr
Junge Wollhandkrabbe im Weserwehr © AWI/Esther Horvath

Lässt sich die Wollhandkrabbe so ausrotten? Björn Suckow bleibt realistisch. „Wir gehen nicht davon aus“, meint er. „Aber es wäre ein großer Schritt, den Druck auf Ökosysteme zu reduzieren, einzelne Gewässer zu schützen oder die Ausbreitung zumindest zu verlangsamen.“ Das gilt insbesondere für Länder, in denen die Krabbe noch nicht so stark verbreitet ist – im Projekt ist das beispielsweise Schweden. Oliver Hauck erhofft sich gute Erfolge, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Er erklärt: „Dafür muss es natürlich ein Gesamtkonzept mit Fallen an allen großen Flüssen geben. Aber damit und mit etwas Glück können wir es schaffen!“

Gefangene junge Wollhandkrabben
Gefangene junge Wollhandkrabben © AWI/Björn Suckow

Aus den Erfahrungen, die die Teams in den verschiedenen Ländern mit dem Fang der Krabben gewinnen, sollen zum Projektende Indikationen zum Management der Art entstehen – beginnend vom Festlegen des geeigneten Fallenstandorts über Hinweise zum erfolgreichen Genehmigungsprozess bis hin zum Fang und zur Verwertung der gefangenen Tiere.

Denn auch diesen Aspekt beleuchtet „Clancy“: Was soll mit den tausenden Wollhandkrabben passieren, die in den Fallen landen? Für die jungen, kaum 4 cm großen Krabben gibt es derzeit keinen Verwendungszweck. In ihrer Herkunftsregion in Asien gelten die erwachsenen Tiere jedoch als Delikatesse – in Deutschland dürfen sie als invasive Art nicht gehandelt werden, auch wenn es, wie eine aktuelle Abschlussarbeit der Uni Antwerpen zeigt, tatsächlich einen Schwarzmarkt in Europa gibt. Stattdessen wird das AWI untersuchen, ob die Krabben als Fischmehlersatz in Futtermitteln zur Aufzucht von Speisefischen oder Shrimps dienen. Auch die Panzer enthalten spannende Stoffe für biotechnologische Anwendungen, beispielsweise Chitin. Solche Verwertungsansätze könnten wiederum einen Beitrag zur Finanzierung des Krabbenmanagements leisten – schließlich müssen die Fallen nicht nur gebaut, sondern auch dauerhaft unterhalten werden, beginnend mit der Aufgabe, die Krabben regelmäßig aus dem Fangbehälter zu entnehmen. Suckow und Hauck sind hier schon in ersten Gesprächen mit Landschaftspflegeverbänden, denn die sind oft wichtige Ansprechpartner, wenn es um die Pflege und ökologische Gewässerentwicklung geht.

Mögliche Verwendungen für die gefangenen Krabben
Mögliche Verwendungen für die gefangenen Krabben © AWI/Björn Suckow

Die derzeitigen Fangmengen sind jedoch zu gering und auch die Saisonalität könnte ein Problem bei einer rein wirtschaftlichen Verwertung darstellen. Das Team des AWI sucht deshalb nach weiteren Ansätzen: Zoos beispielsweise sind dankbare Abnehmer für kleine wie große Wollhandkrabben. Und auch die Hilfe von Prädatoren in ihrer natürlichen Umgebung könnte nützlich sein.: So könnten Raubfische, Reiher und Otter dabei helfen, den Krabbenbestand zu dezimieren, indem die Krabben statt in einen Fangkorb an eine für die Räuber gut zugängliche Stelle geleitet werden. Derzeit sucht das Team noch nach geeigneten Standorten für Tests.

Auch andere Menschen möchte Björn Suckow auf die Problematik um die Wollhandkrabbe aufmerksam machen. Denn das Ausmaß der Krabbeninvasion ist meist nur Anglern oder Menschen im Naturschutz bewusst. „Die Krabben laufen oft unter dem Radar“, erklärt er. „Das ist auch ihrem Vorkommen im trüben Wasser geschuldet, das sie nur verlassen, wenn sie aufgrund eines Hindernisses nicht weiterkommen.“ Deshalb hat das Team schon mehrere Filmteams vor Ort gehabt, die sich selbst ein Bild von der schieren Masse der Krebstiere in der Fischtreppe im Weserwehr machen konnten. Die Filmteams wiederum geben das Wissen weiter an interessiertes Publikum – ein wesentliches Element, um das Projekt auch über die Fachwelt hinaus bekannt zu machen.

Doch auch die Fachwelt selbst ist eine wichtige Zielgruppe der Forschenden: Die Fallen, die Jonas Schoelynck ursprünglich für die Reduktion der Wollhandkrabbenpopulation entwickelt hat, könnten sich auch für andere Arten als wirksam erweisen – für den Signalkrebs beispielsweise. „Viele Fischtreppen müssen in den nächsten Jahren saniert werden. Eine Falle dann direkt miteinzubauen, ließe sich recht einfach umsetzen“, schlägt Oliver Hauck dazu vor. Ob sich damit tatsächlich der ökologische Zustand der Flüsse verbessern ließe, ist anderen Forschungsvorhaben überlassen – das Team von Clancy schafft hier aber eine solide Grundlage, auf die andere aufbauen könnten.

Betriebsdaten
  • Name: Clancy
  • Projektleitung: Flanders Environment Agency, Nick de Meersman
  • Projektpartner: Flanders Environment Agency (B), Universität Antwerpen (B), Provinz Ostflandern (B), Cellule de Suivi du Littoral Normand (F), Groupe d'Etude des Milieux Estuariens et Littoraux (F), Technische Universität Dresden (D), Alfred-Wegener-Institut (D), Universität Skövde (S)
  • Laufzeit: 2023–2028
  • Finanzierungsumfang: 5 Mio. €
  • Finanzierung: Interreg Programm Nordsee
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Kontakt

Björn Suckow

Ansprechpartner für Presse und Medien

bjoern.suckow@awi.de

https://www.interregnorthsea.eu/clancy

Zur Person
Björn Suckow
hat marine Umweltwissenschaften studiert und sich auf den Bereich Aquakultur mit dem Schwerpunkt der nachhaltigen Ernährung spezialisiert. Seit 2019 arbeitet er am Alfred-Wegener-Institut, vor allem im Bereich Technologie- und Wissenstransfer.
Zur Person
Oliver Hauck
ist ebenfalls mariner Umweltwissenschaftler und war mehrere Jahre beim BUND im Bereich Meeresschutz aktiv. Seit acht Jahren beschäftigt er sich mit heimischen und nicht-heimischen Krebsarten und hat umfangreiche Expertise auf diesem Gebiet.
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