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Schmitz’ Sternstunden

Harte Schale, weicher Kern

Beim Neubau eines Familienzentrums werde ich, wenn nur am Rande, Zeuge einer herzerwärmenden Geschichte.

von Franziska Schmitz erschienen am 21.01.2026
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Der Polier besagter Baustelle, Herr Holzammer, ist dafür bekannt, ein gefühlloser, sturer, kalter Mann zu sein, ohne Herz für Natur und Tiere. Die Arbeit von Kollegen, die auch in der Umweltbaubegleitung tätig sind, hat er in der Vergangenheit durch seine Dickköpfigkeit und Uneinsicht erschwert. Seiner Meinung nach ist unsere Arbeit rausgeschmissenes Geld.

Bei besagter Baustelle muss ich die angrenzende Straßenbaumallee im Auge behalten. Sind die Vegetationsschutzzäune intakt, wurden verbotenerweise Baumaterial oder Maschinen in den Baumscheiben gelagert? Mit Herrn Holzammer habe ich wenig Berührungspunkte, ich gehe ihm, da ich schon gewarnt bin, aus dem Weg. Es gibt aber auch keine Probleme, die einen Kontakt mit ihm nötig gemacht hätten. Meine Berichte sende ich direkt an den Auftraggeber mit der Baufirma des Poliers in CC.

Eines Tages läuft mir bei einer Begehung der Landschaftsarchitekt der Baustelle über den Weg. Jonas kenne ich aus meiner Lehre. Dass er den Auftrag erhalten hatte, war mir nicht bewusst. Ich freue mich, ihn zu sehen und wir gehen einen Kaffee trinken. In der Bäckerei unterhalten wir uns über die Baustelle und auch er sagt, dass die Termine mit Holzammer sehr anstrengend sind, weil er wirklich ein schwieriger Zeitgenosse ist.

„Aber eine Geschichte muss ich dir erzählen“, beginnt Jonas. „Neulich haben die Handwerker vom Innenausbau erzählt, dass sie ein Tier in der Wand hören. Was genau, wussten sie nicht, aber so ein röchelndes, kratzendes Geräusch. Das hatten sie Holzammer erzählt, der hat erst gedacht, sie wollen ihn auf den Arm nehmen. Aber nach Feierabend hat er es selbst gehört. Er ist der Sache mit einem seiner Mitarbeiter auf den Grund gegangen. Gefunden haben sie einen Igel im Lüftungssystem, kamen aber nicht an ihn ran. Der muss sich irgendwie mit seinen Stacheln verkeilt haben.“ „Oh Gott, wie schrecklich“, entfährt es mir. „Und dann?“

„In die neue Wand haben die zwei eine Kernbohrung gemacht, um an den Kleinen ranzukommen, und ihn rausgeholt. Er war natürlich total schwach, hungrig und verdreckt, hatte sich vollgemacht und gestunken. Es war schon nach 19 Uhr, kein Tierarzt mehr zu erreichen, da hat er den Igel gepackt und ist mit ihm bis zur nächsten Tierklinik gefahren, 50 km! Kannst du dir das vorstellen?“

Ich bin wirklich erstaunt. „Und was hat der Auftraggeber zu dem Loch gesagt, der war bestimmt nicht begeistert, oder?“

„Das hat Holzammer am nächsten Tag auf seine Kosten wieder herrichten lassen, war wirklich teuer, was man so hört, aber du siehst nichts mehr. Die ganzen Lüftungsrohre hat er nochmal kontrollieren lassen, nur bei diesem einen war das Gitter vergessen worden. Aber sprich ihn bloß nicht auf die Geschichte an! Der Mann hat ja einen Ruf zu verlieren“, zwinkert mir Jonas zu.

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